Zur Vorgeschichte Teil 1 und Teil 2
Muttern ist jetzt die zweite Woche in der Reha-Klinik und dreht am Rad. Wenn es ein Gutes hat, dann daß ihr der Gedanke an Heim hoffentlich ausgetrieben wird. Sie langweilt sich zu Tode, niemand von ihren Freunden kann sie besuchen kommen und anrufen geht nur über Handy. In der Klinik kostet nämlich der reine Telefonanschluß schon alleine 2 Euro pro Tag, das können wir uns schlicht und ergreifend nicht leisten. Solche „extras“ sind bei Grundsicherungsrente und HartzIV nämlich nicht vorgesehen. Auch nicht die, also meine Fahrkosten nach Herne. Geschweige was ich in letzter Zeit für allgemein Wäsche ausgegeben habe – was man halt im Krankenhaus so braucht, wenn man länger als ein paar Tage da bleiben muss und nur einmal die Woche jemand, also ich, vorbeikommen kann. Ich hab der Frau vom Sozialamt gar nicht gesagt, daß Muttern im Krankenhaus ist. Nicht das die noch auf die Idee kommt, den Regelsatz zu kürzen, weil keine Kosten für essen und trinken anfallen. Diese Praxis ist zwar vom Bundessozialgericht für unzulässig erklärt worden, aber das bedeutet nicht, daß Ämter es nicht trotzdem versuchen. Und einmal gekürztes Geld ist erstmal weg und muss wieder eingeklagt werden. Auf sowas obendrauf hab ich grad nun gar keine Lust. Nun ja, auf die scheiß Geldfrage wollte ich eigentlich nicht hinaus, aber da sie immer so im Raum schwebt, sei sie wenigstens erwähnt.
Muttern ist bei allem Unglück weiter sehr tapfer. Es bleibt ihr auch nichts anderes übrig, dafür hat sie mich ja. Brüche heilen nicht mehr so schnell mit 73, Physiotherapie und die Übungen, das der Arm wiederhergestellt wird, tun verdammt weh, aber da muss sie durch. Sich hängen lassen und nur jammern lasse ich ihr nicht durchgehen. Aber ich werd mir wohl mehr Zeit für sie nehmen müssen. Die arme Socke, sie tut mir echt leid, da so alleine in Herne in dieser doofen Hospital-Umgebung, mit sabbernden Alten auf dem Zimmer. Wenigstens hab ich sie zum Lachen gebracht, als ich meinte, sie hätte den Sturz wohl mit Absicht gebaut, damit sie mich öfter sieht ;) Ich versuche ja immer, ihren Blick nach vorne zu richten, darauf, wieder zuhause zu sein. Zwischendurch geb ich ihr kleine „Aufgaben“ á la guck mal, wann die Cafeteria auf hat, ist ein Friseur im Haus … sowas halt. Sie wollte ja gar nicht aufstehen und rumlaufen, weil sie sich so unsicher auf den Beinen fühlt. Außerdem, ich jedenfalls kenne das, fallen viele und meine Mutter eben auch, im Krankenhaus prompt in die Rolle des „guten Patienten“.
Zum Glück, und es ist wirklich ein Glück, hab ich die ausreichende Distanz, Muttern nicht alleine als meine Mutter zu sehen. Ihr wisst schon, diese emotionale Verbundenheit, die einen über Schuldgefühle so leicht manipulierbar und erpressbar macht. Das ich mir im Moment viel mehr Zeit für sie nehmen muss … mach ich gerne, wirklich. Wie das weitergeht, kann ich noch nicht absehen. Je nach, wie ihr Arm wiederhergestellt werden kann und sie zuhause alleine klar kommt, oder eben nicht. Denn da wäre noch ihre Anfallserkrankung – ne Art Epilepsie und wegen Osteoporose Hang zu Knochenbrüchen ist keine gute Kombination, vorsichtig gesagt. Und natürlich mache ich mir Sorgen.
Heute wieder Besuchstag, ich werde mir wohl den halben Sonntag dafür nehmen. Ich hab eine lange Liste Fragen ans Personal und will mal schauen, einen Termin mit der behandelnden Ärztin zu bekommen. Pflegestufe beantragen und was mir nicht alles für die Zeit nach der Reha durch den Kopf schwirrt. Weitermachen wie bisher ist jedenfalls nicht, da muss auch Mutter ihre Gewohnheiten verändern. Sei es nur, daß sie ab sofort immer das Handy dabei hat und endlich lernt, mit dem Ding umzugehen, kreisch.